Auszeichnungen

Laudatio zum Walter-Serner-Preis des RBB, 2005

 

Verleihung des Walter-Serner-Preises des RBB (Rundfunk Berlin-Brandenburg) und des Literaturhauses Berlin 2005.

 

RBB

Die Laudatio von Marica Bodrozic

Das innere Augenalphabet

Wahrnehmung ist eine Qualität der Imagination, ein Signum der Einbildungskraft. Manchmal verhilft sie uns zu einem besseren Leben, manchmal macht sie es nur erträglicher und ein anderes Mal wird sie uns hinderlich, wirft Verdichtungen und Schallräume in unsere Welt, von denen wir im Rückblick nur sagen können, sie uns selbst ausgedacht zu haben, nur aus uns heraus, sie mit niemand anderem teilend. Das wirft nicht nur die Frage auf, ob wir uns im Wesentlichen ohnehin alles ausdenken; der Gemeinplatz, alles Leben sei ein Spiel, scheint vor diesem Hintergrund ernsthaft das so scheinbar Banale als Welt etablieren zu wollen. Wann aber sind wir in unserem Uns-Ausdenken unbedürftig, wann auf fremde Augen angewiesen, auf den Blick eines Anderen, der uns beisteht und für uns die Wirklichkeit sortiert, die unser Leben bestimmt? Und wann gehorchen wir diesem fremden Blick, ohne es selbst je bemerkt zu haben, dass wir seine Ausführende sind, Handlanger eines anderen Willens?

Zur Wahrheit wird alles, wenn es nur oft genug gesagt ist, und vielleicht ist auch das Innere des Auges einem ganz eigenen Alphabet, einer gesteuerten Perspektive ausgesetzt, wiederholt sich, bis es greifbar erscheint, real, wie das erdachte Licht in der Wohnung, von der uns Silke Andrea Schuemmer in ihrer Geschichte "Frau Forst kümmert sich" erzählt. Schuemmers Protagonistin hat sich in ihren eigenen, sich selbst erdenkenden Bildern verirrt.

Können Bilder denken, werden Sie sich fragen, und auch ich habe mich das angesichts eines in dieser Erzählung lädiert wirkenden Ichs gefragt, in dem die alltägliche Geputztheit und die verordnete Sauberkeit der Wahrnehmung nicht mehr funktionieren. Etwas ist zwischen dem Ich und dem Übersprung der Bilder geschehen, dass dieses Ich aus seiner gefügigen Installation gelockert hat. Aber was geschieht mit diesem Ich, das einem alten Menschen gehört und das zu seiner inneren Sprache findet, verbraucht von den Jahren, ummauert von den Gewohnheiten, ummauert offenbar auch vom Ausbleiben aller Art von Verwandten? Um das Alleinsein geht es, um das Alleinsein und die Wirkkraft der Gedanken, der Wörter, der Formen und der Blicke. Auch um das Leben in einer Stadt, wie wir es oft genug von älteren Menschen kennen, spätestens seit jenem heißen Jahrhundertsommer, in dem das anonyme Sterben in einer Weltstadt wie Paris überhand nehmen konnte und die Leute einfach tot in ihren Wohnungen wochenlang lagen, auf niemanden mehr warteten und von niemanden mehr erwartet wurden.

Von einem Einkauf am Abend zurückkehrend, ist Schuemmers Protagonistin überzeugt davon, jemand habe Licht in ihrer Wohnung gemacht und warte nun dort auf sie, esse von ihrem Teller, werde sie mit zwei großen Händen zusammendrücken - bis die "Knochen knacken". Im Hausflur trifft sie gleich auf Frau Forst, eine Art Wächterin der Bilder, die sie sogleich beruhigt. Das Licht habe sicher sie allein angemacht und niemand befinde sich in ihrer Wohnung. An ihr komme ohnehin niemand vorbei, beruhigt sie die Heimkehrende, sie sei hier der "Wachhund". Später folgt der Schlaf, so heißt es in der Erzählung, "wie ein Bolzenschuss". Die Unheimlichkeit, die Verdichtung der sich immer mehr verschiebenden Realität, lässt auf einen doppelten Boden in der Sprache von Silke Andrea Schuemmer schließen, auf eine immer größer werdende Unebenheit in der Wirklichkeit ihrer Hauptfigur, was mich auch an Walter Serner, den Namenspatron des heute zu verleihenden Preises denken lässt, der eigentlich ursprünglich den Namen Seligmann trug. Dieser Name verschwand aus seiner Biographie genauso wie ein Mensch, den es nie gegeben hat; so fremd klingt heute das Wort Seligmann mit einem Mal und der Vorname Walter will gar nicht zu ihm passen.

Die Angst arbeitet in Schuemmers Erzählung "Frau Forst kümmert sich" der Unheimlichkeit zu, sie lässt die Stimme zu einem Räuspern verkommen. Die Wörter werden fast von ihr zerkratzt, müssen sogar "über eine Gemüsereibe" gehen, um gesagt zu sein, um in der Luft etwas zu hinterlassen, was mit dem Alleinsein zu tun hat. Mit einer Gegenwart, die nicht aus dem Hier und Jetzt beatmet wird. Die Vergangenheit kommt in sie hinein, natürlich künden die Bilder von ihr, von dem, was einst gewesen ist, als die nun alte Frau eine Zwölfjährige war. Der Tod, oder genauer: der Mord an einer Sau taucht da aus dem Nichts auf, aus dieser zeitlosen Zeit, die sich das Recht auf ihr eigenes Inneres nimmt.

"Der Knecht hackte und hackte", heißt es an einer Stelle, "und irgendwann griff ich einfach in die klebrige Masse und holte mir etwas heraus, ein Stück vom Herz und ein Stück Schwarte, aber das war egal, Hauptsache Fleisch, und ich schleppte es durch den Wald nach Hause, und als ich ankam, war es gefroren, und wie es geschmeckt hat, weiß ich nicht mehr..." Überlebt habe man das Ereignis, berichtet uns die Erzählerin, und man wird das Gefühl nicht los, das sei genau die Strafe. Beunruhigend ist für mich der hier erwähnte "Wald" und das Wort "gefroren" weisen schon auf die jetzige Gegenwart hin, die einst durch die Luft in den Tierleib schießenden Messer werden durch die beschriebene Bildkraft wirklichkeitstauglich. Die Ebenen der Zeit fließen ineinander und das schimmernde Blut aus dem einstigen Wald ist plötzlich ein blankes Hier geworden. Die Brille, die es gar nicht gibt, ist beschlagen. Die Autorin lässt uns hier an etwas scheinbar Absurden teilnehmen, an einer Orgie der verketteten Bilder. Nur noch die Dinge können eine Orientierung verschaffen, Dinge, denen wir so viel Vertrauen schenken, mit deren Hilfe wir unsere Welt gliedern, ordnen und bebildern. Und die doch ein Eigenleben führen, sich eigene Ränder, Länder und Grenzen ausdenken, ganz ähnlich wie in Schuemmers Roman "Remas Haus", der den Leser in eine innere Bildwelt einschleust wie in einen Geburtskanal. Und ihn dann dort lässt, fest mit der Sprache vernagelt, ihn stellenweise ohne eigenen Atem zurücklässt, als würde er gar nicht mehr mit sich selbst, mit den eigenen Lungen atmen, sondern mit der erzählten Welt - und was könnte anderes besser und dringender dazu einladen, dieses Buch als Leser und als Mensch mit einem bereiten Atem zu betreten?

Bilder sind ungerichtet. Bilder können nicht töten. Sie können kanalisiert werden - aber von wem? Durch was? Die Empfindung macht sie erst zu dem, was sie sind. In Schuemmers Liebesgedichten beispielsweise wird nicht getötet, aber der "Schlaf" kommt "als großes Feuer", ist ein Bote der erotischen Zärtlichkeit: "... wenn der Schlaf als großes Feuer kommt/ wenn die Augenbraue nur vom Auge träumt/ und der Fuß von der Ferse/ wecken mich die Schneckenfinger deiner Hand/ und ziehn mich hinauf ins Geäst", heißt es beispielsweise einmal. Die weißen Rücken der Liebenden leuchten hier durch die Zweige, wenn sie beunruhigend "kopfunter von den Bäumen hängen". Auch hier schreibt sich ein Unterpfand, getragen von einem lyrischen Grund, in die Wörter ein. Etwas hat als Etwas von sich Wissen, wartet die Zeit ab, um sich auszutauschen. Da heißt es: "Für den Winter muss man sich was Neues suchen, sagst du/ und ich denk, im Schnee wird man uns wenigstens nicht sehn."

Ein Zyklus von Liebesgedichten mit dem Titel "Amourellen" ist in Silke Andrea Schuemmers Schreibwerkstatt am Entstehen. Als die Jury sich für die Auszeichnung ihrer Erzählung entschied, wussten wir nichts von ihrer bisherigen Arbeit oder Biographie. Promoviert hat sie über die österreichische Malerin Maria Lassnig. Veröffentlicht hat die Kunsthistorikerin und Journalistin bereits zwei bibliophile Kunstbücher sowie den erwähnten Roman "Remas Haus".

Die Wirklichkeitsvermeidung, ihre gleichzeitige Entmörtelung und die Suche nach ihr spielen auch in diesem Text eine alles entscheidende Rolle, ja sie wächst mit dem Abgesperrtsein von Schuemmers Helden. Ein grausamer Weg durch die Stunden geteerter Herzen ist hier sprachgenau gezeichnet. Gnade hat die Autorin mit ihren Figuren nicht. Sie sind eigenständige Einklagende ihrer eigenen Welt; manchmal verzichten sie darauf, geliebt zu werden, fordern, was gefordert sein muss und einer sagt gleich zu Beginn über sich:

"Damit Sie mich richtig verstehen: nicht nur die Möbel aus den unteren Stockwerken habe ich verbrannt, sondern den gesamten unteren Teil des Hauses. Außer einer morschen Stiege, die mich nicht mehr trägt, weil mein Kopf täglich schwerer zwischen die Schultern sinkt, ist nichts mehr übrig von dem Fundament, den Mauern oder Fluren. Es gibt nur noch mein Zimmer mit dem Fenster und eine halb verrottete, halb verbrannte Treppe."

In diesem Nirgendwo lebt der Ich-Erzähler, den sich nur die Straßenmädchen zu besuchen getrauen - die Stiege ist morsch, und wer sie besteigt, kennt sich mit dem Abgrund gut aus, ein Ich, Du auf Du mit der Unterwelt. Die Bilder sind auch hier Kuppler der Sprache, durchbrechen das Ordnungssystem der logischen Vorstellungskraft. Der Leser wird direkt anvisiert, wird angesprochen, wird involviert. Der Leser wird eingebunden in den Akt, den Schuemmer zwischen ihren vom Zwang gegeißelten Figuren und den Wörtern ausführt. Wörter, die sich als grundeiserne Schwerter benutzen lassen, zum Beispiel, wenn einer schönen Frau bei Nacht ein Buckel auf dem schneeweißen Rücken wächst, der an die Grimm'schen Märchen und die Dunkelheit unbetretener Menschenherzen denken lässt. Ein Akt vollzieht sich hier in der Sprache, in dem die Nacktheit immer schon wohnt. Und in der auch der Angezogene um seine Erbärmlichkeit nicht umhin kommt.

"Wie notwendig es ist, hier zu sein", heißt es einmal bei der heutigen Walter Serner-Preisträgerin. Die Not kann ein Schriftsteller im Schreiben wenden, ohne selbst an ihr im greifbaren "hier" zu leiden. Er kann sie aber nur "hier" betrachten, sie mit Buchstaben umzäunen, entzäunen, wenden und um sie herumwandern, er kann sich ihrer vergewissern und sie sprechen lassen, sich also entscheiden, etwas aus sich selbst heraus zu beginnen. Freiheit, so sagt es einmal Immanuel Kant, sei das Vermögen, einen Zustand von selbst anzufangen.

Sich von dieser Art Freiheit durch die Sprache tragen zu lassen, wird, wie im Falle von Silke Andrea Schuemmer, mit dem Tor zum Text belohnt, mit der großen epischen Erzählung, die das Tor öffnet. Wir dürfen also auf vielfache Weise die kommenden Bücher dieser Autorin abwarten. Bereits vor fünf Jahren hat sie sich mit dem Werk der leider noch immer fast unbekannten Kärntner Autorin Christine Lavant auseinandergesetzt und über sie einen Text mit dem Titel "Die Vormundschaft des Todes" veröffentlicht, eine Vormundschaft, unter der auch Schuemmers Figuren stehen. Ich möchte diesem raffinierten Tod viele Namen und also eine vielfache Auferstehung in den kommenden Büchern von Silke Andrea Schuemmer wünschen.

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