Remas Haus

Roman, 2004

 

Remas Haus. Roman.

Erschienen bei Kookbooks, Idstein und Berlin, Herbst 2004.
160 Seiten
Reihe Prosa Band 3, hrsg. von Daniela Seel.
Klappenbroschur, vier Schmuckblätter auf Transparentpapier mit Zeichnungen von Andreas Töpfer

ISBN 3-937445-10-2

Aus der Verlagsvorschau:
"Bilder von berauschender poetischer Kraft und Klarheit (...) 'Remas Haus' ist ein Roman über die Leidenschaft zur Literatur, über die Lust des Schreibenden und die Lust des Lesers, ihm dabei zuzusehen."

Siehe auch die Pressestimmen dazu

 

Remas Haus, Cover
Cover von Andreas Töpfer

Den Auszug aus dem 6. Brief können Sie sich auch als  Datei herunterladen.

Haben Sie gewusst, dass alle schönen Frauen einen Buckel haben? Einen unsichtbaren Buckel, von dem sie mit den abenteuerlichsten Dingen abzulenken versuchen? Der Körper meiner Mutter in den immer schwarzen Stoffen war ein großes Zeichen, das sie in die Stadt und unser Haus schrieb. Beim Vater war sie ein Ausrufezeichen mit grade zurückgenommenen Ellenbogen und durchgedrückten Knien oder ein Fragezeichen, wenn sie sich zu ihm beugte, um ihn eine Weile erzählen zu lassen, was er dachte. Bei mir war sie manchmal ein ganzes Wort, das in der Tür oder neben meinem Bett stand. Eine Begrüßung oder eine Zurechtweisung, geschrieben in den Linien von Beinen und Armen, Hals und Bauch. Ich lernte sie früher lesen als Bücher. Und es gab in der Stadt auf den großen Plakaten und Schildern kein einziges Wort, das sich durch die Krümmung eines Bogens so grundlegend verändern konnte wie sie durch das Anwinkeln eines Beins.
Ich verstand nie, solange ich in der Stadt war, weshalb meine Mutter mir bei all unseren Zärtlichkeiten von Anfang an verboten hatte, ihren Rücken zu berühren. Ich kannte sie nackt beim Baden und morgens in ihrer Wäsche, und ich sah nie etwas an diesem Stück Haut, keine Narbe oder keine Verletzung, die mich hätten misstrauisch werden lassen. Und noch ein Verbot gab es bei uns, an das sich auch der Vater zu halten hatte. Im Garten wucherten fremdartige Gewächse vor sich hin, die meine Mutter großzog, obwohl sie wirklich nicht schön waren, und ganz hinten, wo die älteren Bäume besonders dicht standen, gab es eine Bank, auf der sie ab und zu saß, wenn sie allein sein wollte. Und mir wie dem Vater war es strengstens verboten, sie da zu stören. Wenn etwas besonders dringend sei, solle ich vom Haus aus nach ihr rufen, aber niemals, so sagte sie, dürfe ich sie dort überraschen. Aber natürlich war ich neugierig und schlich mich einmal doch an sie heran, auf Zehenspitzen, ganz vorsichtig, damit das Unterholz nicht knackte. Und ich sah meine Mutter, meine eigene Mutter, sich ein paarmal nach allen Seiten umsehen. Dann seufzte sie und ließ sich auf die Bank fallen. Ich sah sie die Arme zum Nacken heben und die Hände den Verschluss ihres Kragens lösen und auch die Knöpfe am Rücken bis zur Hüfte. Sie schälte sich aus dem Mieder, trug nichts mehr darunter und zog die Schultern so fest hoch, dass man die Anstrengung in ihrem Gesicht sehen konnte, und als sie sie wieder entspannte, sackte ihr Oberkörper ein Stückchen nach vorne.
Und da sah ich ihn: einen weißen, geschwungenen, sich nach oben verjüngenden Buckel, der schwer auf ihren Schultern lastete und den sie mit einem erstaunlichen Muskelspiel im schwankenden Gleichgewicht hielt. Bei den Schulterblättern fing es an: Sehnig wölbte sich das feste Fleisch nach oben, und die Kuppel, die fast bis zu ihrem Hinterkopf reichte, war kaum merklich mit Haarflaum bewachsen. Die Haut schimmerte hell, und wenn meine Mutter den Kopf bewegte, ging ein kurzes Zittern und Grollen durch den Buckel auf ihrem Rücken. Sie ließ ihre Arme hängen und hatte den Kopf gebeugt, so dass sich ihr Nacken streckte. Nicht die Wirbelsäule war verwachsen, sondern die Wölbung lastete knochenlos und anscheinend sehr schwer auf ihr, denn meine Mutter atmete lauter als sonst, und ihre Schultern sanken mit jedem Atemzug immer tiefer. Ihre sonst so schnellen und sparsamen Bewegungen wurden träge und mühsam. Ich musste an die Vögelinnen denken, die ebenfalls so einen kleinen Buckel unter ihren Federn hatten. Das war mir vorher nicht aufgefallen. Und auch die Engel, die meine Mutter einmal für mich gezeichnet hatte, hatten diese Wölbung am oberen Rücken.
Ich stand atemlos zwischen den Bäumen und betrachtete sie, ich versuchte, sie zu lesen, wie sie dasaß, aber ihr Körper schrieb ein Wort, das ich nicht kannte. Ich hatte sogar den Eindruck, als sei es mehr als ein Wort, als forme sich durch diesen Buckel ein ganzes Gedicht aus ihren Muskeln, Knochen und Sehnen. Ich hätte gerne meine Hände auf die Verwachsung gelegt, denn ich dachte mir, vielleicht könnte es auch so sein, dass ich, weil ich das Verbot übertreten hatte, plötzlich blind geworden war, und dann ließe sich das Wort, das sich da krümmte, vielleicht durch Tasten entziffern. Aber ich blieb, wo ich war, und fühlte mich, als würden sich von jetzt an ganz plötzlich andere Silben aufeinander reimen als bisher.
Jetzt weiß ich also, dass sich zwischen den Schulterblättern mancher Frauen noch etwas anderes befindet, etwas, das durch verstärkte sehnige Muskeln gehalten werden muss und das zu verstecken alle Kraft von Frauen wie meiner Mutter fordert. An diesem Tag verstand ich, wieso sie mit dem Alten auf die Felder ging, wieso sie all diese Dinge tat, die sie von den Stadtfrauen unterschied und die sie so verdächtig machten. Ich verstand, was sie den Vögelinnen gesagt und wieso man sie in dem Boot über den See gebracht hatte. Und nun war mir auch klar, weshalb ich meine Mutter dort nicht berühren durfte. Sie befürchtete, ich könnte ihn fühlen, den Buckel, und noch mehr fürchtete sie wohl, ich könnte fragen, woher sie diesen Auswuchs habe, der unsichtbar blieb, bis sie sich allein glaubte. Mittlerweile denke ich, dass sie, als ich älter wurde, vielleicht doch gerne mit mir darüber gesprochen hätte, denn auch mein Körper zeigte ja später Verformungen, aber dazu kam es dann nicht mehr.
Leider trat ich dann, während ich immer noch zwischen den Bäumen kauerte, aus Versehen auf irgendein Tier, das sofort schrie. Dieser kurze Laut reichte aus, und meine Mutter streckte sich augenblicklich und war wieder hoch aufgerichtet mit gradem, weißem Engelsnacken, schnürte ihr Mieder zu und streifte ihr Kleid über. Mich entdeckte sie nicht, und ich weiß nicht, ob ich damit großes Glück hatte oder eben nicht.

 

Ein Auszug, gelesen von mir selbst, liegt vor als mp3-Datei unter literaturport.de

 

Frankfurter Buchmesse 2004: Buchgestalter Andreas Töpfer, Silke Andrea Schuemmer, Verlegerin Daniela Seel am Stand von Kookbooks.

Buchmesse 2004: Andreas Töpfer, Silke andrea Schuemmer, Daniela Seel

 

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