Rapunzel

Hörbuch 2008 - Musiktheater 2008 - Operare-Workshop 2007

Rapunzel. Erzählung.

Hörbuch bei Hoffmann und Campe, Hamburg, Sommer 2008.
Sprecherin: Sandra Hüller
Regie: Alice Elstner

Das "Rapunzel"-Hörbuch war für den Deutschen Hörbuchpreis 2009 in der Kategorie "Beste Sprecherin" nominiert.

Aus der Jurybegründung: "Sandra Hüller holt den Hörer in Ihre Erlebniswelt herein. Eine junge Stimme, die mit Ihrer zärtlich- tastenden, staunenden Subjektivität den einzig möglichen Zugang zum Text eröffnet."

ISBN: 978-3455305104

Hoffmann und Campe

Deutscher Hörbuch-Preis

 

Mittelpunkt der Geschichte ist ein junges Mädchen, eine Art modernes Rapunzel, eingesperrt nicht in einen Turm, sondern in ihre Familie, deren Beziehungsgeflecht sie einschnürt wie ein Strick.
Ihr Weg hinaus führt wie beim Grimmschen Rapunzel über ihr Haar und über eine merkwürdige Krankheit, die kaum erforscht und noch weniger bekannt ist: Trichophagie, der Zwang, die eigenen Haare auszureißen und zu verschlucken. Unverdaubar verstopft das immer dicker werdende Haarbüschel die Gedärme, bis die Betroffenen im schlimmsten Fall am 'Rapunzelsyndrom' sterben.
Im Mittelalter wurden diese Haarbüschel, sogenannte 'Bezoare', als wertvoller Fetisch angesehen und teilweise in Gold gefasst. Diese Verbindung von mythischer Bedeutung und extremem Körperbild ist die Grundlage der Erzählung.

Besonders die Bildwelten stehen deshalb im Vordergrund: die Einverleibung, das Kannibalische, die mythisch erotische Bedeutung des Haares, das zum Strick wird.
Und auch die Ableitung des Krankheits-Namens aus einem Märchen macht deutlich, dass man sich bei der Darstellung und Gestaltung dieser Störung auf Bilder einlassen muss, um sich ihr zu nähern.
' Rapunzel' ist ein poetisches Psychogramm, der innere Monolog eines Mädchens zwischen Einsamkeit, Langeweile, der Verstörung beginnender Sexualität und dem Zwang, ein Teil einer Familie zu sein, in der jeder mit dem anderen verstrickt, aber niemand wirklich verbunden ist.
Rapunzel wählt den Strick aus eigenem Haar, um der Familie zu entkommen, aber es ist keine Strickleiter, sondern ein Galgen, kein äußerlicher, sondern ein innerlicher. Rapunzel vertilgt das, was in der Familie stört, sie frisst das Problem in sich hinein und sich selbst auf.

 

Auszug aus dem Text "Rapunzel"

Über mir meine Knie. Zwei abgerundete, weiße Stümpfe mit blondem Flaum. Hinter den Kuppen gehen die Schienbeine weiter, auch wenn ich sie nicht sehen kann. Ich fühle den Druck auf den Waden, das Kribbeln im Fuß und vor allem den Schmerz in den Kniekehlen. Dass da, wo etwas weh tut, auch etwas ist, das habe ich längst verstanden. Ein einzelnes langes weißes Haar wächst aus einem Leberfleck auf dem Oberschenkel. Ich hebe den Kopf, krümme den Nacken, die Muskeln schließen sich um meinen Hals wie ein Würgegriff und ziehen ihn nach oben. Ich versuche, gegen das einzelne Haar zu pusten, aber ich habe zu wenig Luft. Mein Oberkörper fällt zurück und schwingt ganz leicht. Das Blut staut sich im Kopf, pulsiert an den Schläfen. Wenn ich das Kinn auf das Brustbein presse, kann ich oben im Dach das Gerippe der Holzbalken sehen. Die Gaube mit dem kleinen Fenster nicht. Dafür muss man stehen, und dazu ist es noch zu früh. Ich schwinge leise weiter. Die Teppichstange in den Kniekehlen ist jetzt nicht mehr kalt und noch nicht schwitzig. Sie hält mich.
Das doppelt laute Brudertier, das Vierauge, das kleinste Rudel, das die Tierwelt je gesehen hat, trampelt mit vier Füßen herein. Zwei davon stellen sich auf mein Haar. Es fällt von meinem Kopf herab und liegt rötlichblond auf den Holzdielen des Dachbodens. Wenn ich mit dem Oberkörper hin und her schwinge, beginnt es irgendwann zu fließen, es wird immer mehr, bis es um mich herumbrandet wie Wellen und ich mir vorstelle, wie ich, eine Nixe, mit dem silbrig glänzenden Schwanz an einem großen Haken vor einem Fleischergeschäft herabhänge, die Touristenattraktion, die Brüste verrutscht, das Haar bis auf das Kopfsteinpflaster hängend, wo es sich mit Abfällen und Blut voll saugt wie ein Schwamm. (...)

 

Vielfältige Informationen über "Trich" bieten die Seiten:

www.trichotillomanie.de
www.trichotillomanie.ch

Ein Auszug aus "Rapunzel" erschien in Macondo Nr. 17, Bochum 2007

Macondo 17

 

"Rapunzelmonolog" - das Musiktheaterstück

Uraufführung: 29. Februar 2008, im Kesselhaus Berlin, auf dem Gelände der Kulturbrauerei, mit Unterstützung der Literaturwerkstatt.

Die Schülerin Katharina Bendig hat anlässlich der Aufführung eine 28-seitige Facharbeit zum Text 'Rapunzel' geschrieben, die vom Lessing-Gymnasium Uelzen mit 15 Punkten benotet wurde (1+). Ich finde sie so gelungen, dass ich sie hier als PDF-Download anbiete.

Während des Workshops "operare 07" der Zeitgenössischen Oper Berlin (2.5. bis 3.6.2007) wurde das Projekt "Rapunzelmonolog" ins Leben gerufen und mit einem Realisierungspreis ausgezeichnet, der die Ausarbeitung und die Uraufführung ermöglicht.

Text: Silke Andrea Schuemmer
Komposition: Alexandra Filonenko
Regie: Mascha Pörzgen
Luftperfomance: Ellen Urban
Schauspielerin: Ariane Arcoja
Bühne / Kostüm: Lars Thun
Videoprojektionen: Paul Zoller
Musikalische Leitung: Adrian Pavlov
Orchester: Kairos-Quartett (Streichquartett)
Christine Paté (Akkordeon), Claudia Sgarbi (Schlagzeug)

Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause

Das Projekt entstand in Kooperation mit der Zeitgenössischen Oper Berlin, der Consense Gesellschaft zur Förderung von Kultur mbH und der Literaturwerkstatt Berlin mit freundlicher Unterstützung der Senatsverwaltung für Wissenschaft Forschung und Kultur.

Die Textgrundlage bildet die Erzählung "Rapunzel", die in assoziative musikalische und bildnerische Ebenen eingebettet wird.

Die Komposition von Alexandra Filonenko transportiert das Verschlungene, Verwobene, Kokonartige der Haare und die klaustrophobische Atmosphäre der Situation. Mascha Pörzgen inszeniert den "Rapunzelmonolog" mit der Luftartistin Ellen Urban, die einzelne Aspekte des Textes in Bewegung umsetzt, Emotionen und Phantasien vergrößert. Die Schauspielerin Ariane Arcoja spricht den Text in monologischer Form. Sie spielt im Dialog mit der Musik, der Artistin und dem Raum, die ihre inneren Zustände über den Text hinaus spiegeln, überhöhen und weitertreiben.

Ein Eindruck von der Aufführung ist unter YOUTUBE.COM zu sehen.

Interview von Boris Nitzsche (Literaturwerkstatt Berlin) mit Silke Andrea Schuemmer, Alexandra Filonenko, Mascha Poerzgen, Ellen Urban und Lars Thun (2007)

- Wie kam es zu dem Werk?

Mascha Poerzgen:
Kennen gelernt haben wir uns über einen Realisierungswettbewerb der Zeitgenössischen Oper Berlin, operare. Da wurden 44 Kreative unterschiedlichster Sparten zu einer Art Marktplatz zusammengebracht, zu einer großen Sammlung von Ideen. Silke hat bereits am ersten Tag ihren Text vorgestellt, und wir sind direkt darauf angesprungen.

Alexandra Filonenko:
Ich dachte sofort: Das ist ein Stoff für die Bühne, aber es muss ein Musiktheater sein. Da war dieser Wahnsinn, der mich ansprach. Ich wusste, dass meine Art zu komponieren dazu passen würde. Das Bauchgefühl stimmte einfach.

M. Pörzgen:
Ich fand das schon am ersten Tag interessant, aber ich dachte, da sind jetzt sowieso alle dran. Deshalb hab ich mich da gar nicht so reingekniet. Irgendwie haben wir uns dann aber unterhalten, und ich hatte sofort viele Ideen im Kopf. Am nächsten Tag haben Alexandra und Silke mich dann gefragt, ob ich mitmachen will. Alexandra überzeugte mich dann, den Text in die Musik zu integrieren, aber nicht in Form einer Oper, sondern als Musiktheater, damit die Komplexität und die Geschlossenheit des Textes besser hervortritt.

- Wie bist du auf das Thema Trichophagie gekommen?

Silke Andrea Schuemmer:
Mich hat diese Überblendung von außen und innen interessiert. Die Betroffenen verzehren sich selbst, ihren eigenen Körper, sie fressen sich im Grunde selbst auf. Im Körper bildet sich eine Art Strick aus den unverdauten Haaren, was tödlich sein kann. Sie drehen sich quasi ihren eigenen Strick, aber nicht um sich daran aufzuhängen, sondern dieser Strick ist im Körper selbst. Dazu kommen noch diese kulturellen Hintergründe, die Mythen um das Thema Haare, das Märchen Rapunzel. Ich habe dann über ein halbes Jahr an einer Perspektive gesucht, denn ich wollte keine Krankheitsgeschichte schreiben, ich wollte kein ewiges Lamentieren. Letztendlich habe ich mich dann für einen inneren Monolog entschieden, der aus einzelnen Szenen besteht.

- Ihr kommt alle aus unterschiedlichen Kunstrichtungen, wie klappt da die Zusammenarbeit?

M. Pörzgen:
Die Konstellation ist großartig. Alle sind eigenständige Künstlerpersönlichkeiten, die ich alle gut finde. Da kann man auf Augenhöhe arbeiten, egal ob das das Bühnenbild, das Schauspielen, die Luftartistik oder die Videoarbeiten betrifft. Jeder ist in seinem Bereich so gut, dass das ein sehr kreatives Arbeiten ist.

- Wie setzt ihr den Text auf der Bühne um?

M. Pörzgen:
Der Text erzeugt selbst sehr starke Bilder, was bei der Umsetzung für die Bühne eine große Herausforderung ist. Es geht darum, diese Bilder nicht noch mal zu wiederholen oder zu doppeln, sondern sie zu stützen, sie ins Extrem zu treiben.

A. Filonenko:
Für mich erfüllt sich etwas, von dem ich schon lange geträumt habe: Musik für ein Sprechtheater zu schaffen, so dass es ein Ganzes wird, etwas Neues. Das Theater bietet eigene Möglichkeiten, aber auch eine eigene Herausforderung: Im Theater kommt die Energie, die in Neuer Musik steckt, erst richtig deutlich hervor. Es ist dann Musik, aber eben nicht nur. Hier müssen all ihre Möglichkeiten eingesetzt werden, all die vielen Schichten und Ebenen, die Musik bietet. Ich möchte zeigen, dass Neue Musik nicht nur aktuell, sondern auch schön ist.

- Wie gehst du vor, wenn du die Musik zu dem Text komponierst?

A. Filonenko:
Ich gehe sehr intuitiv vor, ich spiele das Stück in meinem Kopf durch. Ich komponiere die Musik nicht direkt am Text entlang, denn sie ist nicht einfach nur Hintergrund und Stimmungsbild, sondern ein Teil der Handlung, ein Kommentar. Sie greift in den Text hinein. Die Musiker müssen dabei immer Kontakt mit der Schauspielerin haben, mit ihr reden. Die Schauspielerin kommentiert auch die Musik. Das Streichquartett und Schlagzeug sowie Schauspielerin und Akkordeon bilden zusammen einen Faden. In jedem Kapitel gibt es eine andere Musik, aber das Streichquartett spielt ein durchgehendes Leitmotiv. Dieser Faden fügen alle Kapitel zusammen. Für die Sprechanlage musste ich mir auch etwas Eigenes einfallen lassen. Ich brauche dazu einen Elektrobogen für die Streicher, der die Seiten mit einen Laser anreißt. Da bekommt man mit einfachen Mitteln einen elektronischen Effekt, der stark raumfüllend ist. Dazu werden dann noch Wassergongs eingesetzt. Dass wir für die Umsetzung das Kairos-Quartett gewinnen konnten, ist ein echter Glücksfall. Sie sind einfach die Besten.

- Was hat es mit dieser Sprechanlage auf sich?

S. A. Schuemmer:
Gerade diese Gegensprechanlage war für mich die größte Überraschung, denn das Motiv war eins, das ich nicht hergeleitet habe. Das hat sich in den Text geschlichen, weil ich die Mutter als erstes mit ihrer Stimme dahaben wollte. Diese Mutter ist ja keine böse Hexe, im Grunde ist das eine nette, bemühte Frau, die auch ihre guten Seiten hat. Aber sie ist immer präsent. Man kommt um sie nicht herum. Daher kam diese Gegensprechanlage, die aber auch nur in eine Richtung funktioniert.

- Welche Anforderungen gibt es an das Bühnenbild?

Lars Thun:
Das muss eine atmosphärische Bereicherung sein, um diese Innere Welt wiederzuspiegeln. Es muss eine innere Linie darstellen, in einem Gesamtkontext stehen. Das ist eine Herausforderung, weil es nicht ein reines Schauspiel ist, sondern aus vielen Elementen besteht. Dafür muss erst mal Raum geschaffen werden. Man braucht auch erst mal eine technische Lösung für die Arbeit mit Ellen (der Luftartistin), dann allerdings öffnet es den Bühnenraum. Es gibt eine neue Höhe, eine neue Dimension.

Ellen Urban:
Das hat mich besonders gefreut, dass die anderen Teilnehmer die Möglichkeit gesehen haben, die Luftartistik mit einzubauen. Ich hatte das Gefühl, dass plötzlich auch der Luftraum mit einbezogen wurde.

- Wie kam es zu der Idee mit der Luftchoreographie?

S.A. Schuemmer:
Ich hatte die Biografie von Ellen gelesen, und als ich den Rapunzelmonolog geschrieben habe, hatte ich immer eine Konstruktion mit Schnüren und Seilen und Netzen im Kopf, da lag das nahe. Ellen ist auch ein Glücksfall, weil sie kein Interesse daran hat, hier eine Art Gala oder Zirkusnummer zu machen.

E. Urban:
Ich habe immer viel mit Tänzern gearbeitet. Ich fand das interessant, weil ich da Aufgaben gestellt bekomme aus einem anderen Bereich. Normalerweise wollen die Leute immer das Spektakuläre sehen, aber in diesen Produktionen ist das anders. Da bekomme ich gesagt: bitte kein Zirkus. Das finde ich spannend. In Rapunzel baue ich Stellungen ein, die Unbehagen auslösen, zum Beispiel kopfüber aufgehängt. Für die Zuschauer erzeugt das ein Unbehagen, ein Schmerz. Ich weiß einfach, nach einer bestimmten Zeit denken die Zuschauer: Mein Gott, tut das nicht weh?

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