Organische Portraits

Lyrikzyklus ("Stirnbilder")

 

Der Lyrikzyklus "Organische Portraits" entsteht seit 1996 und beschäftigen sich mit Körper-Bildern und Sprach-Körpern. Siehe auch Lyrik-Bibliografie.

Die hier stehenden Gedichte können Sie als  Datei herunterladen.

 

Minne

Was sich ein Nest baut in den Achselhöhlen,
das kriecht auch durch den Nabel fort. Und in die
Muscheln ruft es wilde Worte, färbt Wangen rot,
ist Echolot auch für die Lymphen, die sich wie
grüngebleichte Nymphen zu den Schulterblättern schmiegen.
In den Salzfässern unterm Hals, da leckt sich satt,
was da geschlüpft aus Haar und Poren, was
ausgebrütet zu der Beuge runterfloß, um sich dann
noch einen Weg zu bohren zur andren Seite hin.
Was sich ein Nest baut in den Achselhöhlen,
das schlängelt sich auch durch den Mund,
das brennt und zündelt auf der Zunge,
bis die Lippen wund ein neues Nest gestatten.

 

 

Es regt sich, schnarrt und ächzt im Kehlkopf drin
schlägt den harten Gong des Gaumens zwölfmal an
Gewalpert wird vielleicht ganz oben wo sichs wölbt
hier unten, wo der Kiefer leise knackt,
spukt es in der Lippenfurche, huscht ein Schatten übers Kinn
Statt Fäden: Speichelnetze. Was da sich drin verfängt
zappelt eine Weile, stirbt dann schnell wie hingesagt
In den Winkeln ist ein früh verwestes Wort verwoben
ein unterkühltes seilt sich von der Schartenspitze ab
durch klebrig, dichtgesponnenes Gemasch
beschlägt in Tau und lungenwarmem Dunst
Zehn Füße hat der mißgeborne Vers
die rudern, krabbeln um ihr Leben einen Laut
wenn nicht der Atemzug vom nächsten drüberfährt

 

 

In der Kurve wird das Blut gestundet
hier nimmt die Ader einen Zoll
schröpft die Bahnen, doch der Druck
der läßt nicht, der läßt nicht nach,
Der Wurm, der krumm gekümmerte,
der gestockte, gestauchte, der rot gebauchte
schraubt die Vene ins Fleisch
Das Bild ist keine Kunst, ist nur Wegelagerhaut
drunter gerinnt der Puls, steigt der Spiegel bis zur Flut
da kommt von ferne eine Wallung auf,
steigt zu Kopf, treibt den Pfropfen vor sich her
dahin wo´s schlägt, wo es sich zu schächten lohnt

 

 

Fiebrig und zinnober fast begrüßt: der Knochenspan
In Lake weicht Gehäutetes, sehnt sich
wird bitter jetzt und müd. Die Sole säugts schon,
tränkts, durchsalzt das wunde Band zum Wundbrand bald
Der Durst der Lungenschwämme zieht
spakig in den Grund, der gerade erst erfunden,
sich schon wieder weiterlügt durch Sumpf und Sud
Sickernd durch die Haut gedrungen
die flügelfeine Kalkhaut weggeschrumpft
Darunter die Ankunft. Die hat
zwei stumpfgeborstne Enden.

 
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